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Montag, 10 April 2017 13:26

Empfehlungen der Unterarbeitsgruppe Schweinehaltung für mehr Tierschutz beim Halten von Schweinen in Thüringen

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Die  Unterarbeitsgruppe Schweinehaltung, in der auch die Tierärztekammer vertreten war, hat folgende Empfehlungen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen für Schweine vorgelegt.

Schweinehaltung in Thüringen

Ausgangssituation

Unter Federführung des Thüringer Landwirtschaftsministeriums wurde am 28. Mai 2014 in Erfurt die landesweite Arbeitsgruppe „Tiergerechte landwirtschaftliche Nutztierhaltung“ (LAG) gegründet. Aufgabe dieser Arbeitsgruppe, bestehend aus Interessensvertretern der Bereiche der landwirtschaftlichen Berufsverbände, des Tier- und Umweltschutzes und der Landesverwaltung sollte es sein, Vorschläge zu unterbreiten, wie es in Thüringen künftig noch besser gelingen kann, artgerechte Haltungsbedingungen in der Nutztierhaltung mit den ökonomischer Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen. Dazu sollten bestehende Haltungssysteme und –verfahren auf den Prüfstand gestellt und am Wohl der Nutztiere, den Interessen der Verbraucher und den Möglichkeiten der Unternehmen der Land- und Ernährungswirtschaft in Thüringen ausgerichtet werden. Für die Tierarten Schwein, Geflügel und Rind wurden Unterarbeitsgruppen (UAG) gebildet, um notwendige Handlungsfelder definieren und konkrete gemeinsame Lösungsvorschläge zur landwirtschaftlichen Nutztierhaltung in Thüringen zu erarbeiten

Aufgabenstellung der UAG Schwein

In der ersten Beratung verständigten sich die Mitglieder der UAG Schwein mehrheitlich dazu, dass konkrete Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Tiergerechtheit nur auf der Basis einer detaillierten Statuserhebung erarbeitet werden können, um die angewandten Haltungsverfahren, technischen Ausrüstungen und Managementmaßnahmen in der Sauenhaltung, der Ferkelaufzucht und der Schweinemast zu beschreiben. Damit lassen sich zukünftig u.a. die Betroffenheit und die wirtschaftlichen Konsequenzen von Änderungen in den Haltungsbedingungen quantifizieren. Besonders veränderungsbedürftige Schwerpunkte sollen erkannt werden, in denen Landwirte bzw. Betriebsleiter besondere Unterstützung brauchen, um Lösungen zu finden.

Die Statuserhebung erfolgte in Regie der TLL Jena über eine Fragebogenaktion und wurde mit wesentlicher Beteiligung des SKBR Thüringens und des SGD Thüringens von Januar bis Juli 2015 in Thüringer Betrieben durchgeführt.

Neben einer allgemeinen Betriebsbeschreibung wurden für die Haltungsverfahren der Sauenhaltung (SH), Ferkelaufzucht (FA) und Schweinemast (SM) detaillierte Angaben zu den Bereichen Aufstallung/Entmistung, Lüftung sowie Fütterung erfasst. Einbezogen wurden auch die Durchführung nichtkurativer Eingriffe sowie die Beteiligung an der Initiative Tierwohl.

Ergebnisse

An der Statuserhebung beteiligten sich 93 (48%) von insgesamt 192 Thüringer Betrieben (Abb 1.).

Die mittlere Bestandsgröße der Auskunft gebenden Betriebe lag bei 1.102 Sauen (vgl. Æ Thüringen = 622) bzw. 3.260 Mastschweinen (vgl. Æ Thüringen = 1.698). 35% der integrierten Betriebe arbeiten im geschlossenen System , während sich 40% der Betriebe auf die Schweinemast spezialisiert haben. Damit spiegeln die beteiligten Betriebe das in Thüringen typische Produktionsprofil wider.

Die Erhebung lässt Aussagen zu den Haltungsbedingungen von mehr als 47.000 Sauen, 180.000 Aufzuchtferkeln und 260.000 Mastschweinen zu, wobei auch alle Bestandsgrößenklassen abgebildet werden (Abb. 2).

47 Betriebe produzieren Biogas unter Nutzung der Schweinegülle, davon nutzen 38 die Abwärme zur Heizung ihrer Stallungen.

Insgesamt 6 Betriebe (3 FA; 3 SM) haben ihre Stallanlagen vollständig mit Abluftwäschern versehen, 4 teilweise. Insgesamt wird damit die Abluft von 25.000 Ferkelaufzucht- und 46.000 Mastplätzen von Staub und/oder Ammoniakemissionen gereinigt.

Im Nachfolgenden beziehen sich die Angaben immer auf die an der Statuserhebung teilnehmenden Betriebe:

(1)   66% der Stallanlagen zur Sauenhaltung sind in den letzten 20 Jahren gebaut bzw. rekonstruiert worden, in der Mast beträgt dieser Anteil 38% und in der Ferkelaufzucht 23%. Diese Investitionstätigkeit verbesserte die Haltungsbedingungen in ca. 50% der sauenhaltenden, und jeweils 40% der Betriebe zur Ferkelaufzucht und Schweinemast.

(2)   Die überwiegend anzutreffenden Haltungsbedingungen lassen sich wie folgt beschreiben:

a.    In den meisten Betrieben (SH, FA und SM) erfolgt die Zu- und Abluftführung oberflur.

b.    Die Aufstallung erfolgt i.d.R. (SH und FA) einstreulos mit Rohr-/Badewannensystemen, in 95% der Mastbetriebe sind Rohr-/Badewannensysteme und Staukanäle paritätisch vertreten. 5% der Betriebe arbeiten mit Festmist.

c.    In der Fütterung überwiegen im Abferkelbereich und in der Ferkelaufzucht Trockenfütterungssysteme (> 60%), während in der Schweinemast die Trocken- (38%), Flüssig- (32%) und breiförmige Fütterung (30%) nahezu paritätisch vertreten sind.

d.    Die Gruppenhaltung von Sauen im Wartebereich erfolgt überwiegend (63%) in sog. Fress-Liegebuchten, knapp ein Viertel (23%) haben Abruffütterungssysteme installiert. 13% der Betriebe arbeiten mit Drippelfütterung.

e.    In der Sauenhaltung verfügen fast ein Drittel der Betriebe über Kühlungsmöglichkeiten, in der Schweinemast ca. 10% und in der Ferkelaufzucht ein Achtel der Betriebe.

f.     Die Gruppengrößen variieren zwischen den Betrieben und Haltungsabschnitten stark (Schweinemast Æ 36; 5 – 230; Ferkelaufzucht Æ 29;
10 -300, Angabe der Variation der minimalen Gruppengröße)

(3)     Nichtkurative Eingriffe:

a.    Kastrationsverzicht:
Von den 83 Mastbetrieben praktiziert ein Mäster (im geschlossenen System) durchgängig die Ebermast, d. h. es wird gar nicht mehr im Betrieb kastriert. Rund 10% der Mastbetriebe haben Erfahrungen damit gesammelt und mästen anteilig Eber, 2 Betriebe haben sich wieder von der Ebermast verabschiedet. Es wird auf die limitierte Vermarktungsfähigkeit in Thüringer Schlachtbetrieben hingewiesen (nur ein Schlachtbetrieb schlachtet Eber).

b.    Schwanzkupieren:
Vier von 43 Ferkelerzeugern kupieren keine Schwänze (kleinere Biobetriebe). Insgesamt wird das Kupieren noch als notwendig erachtet, da ansonsten höhere Verluste entstehen und in Testgruppen höhere Anteile betroffener Tiere mit Schwanzverletzungen und Teilstückverlusten auftraten.

c.    Zähneschleifen
In 19 (40%) der 47 befragten sauenhaltenden Betriebe werden die Zähne der neugeborenen Ferkel nicht prophylaktisch geschliffen.

(4)     Teilnahme an der Initiative Tierwohl:

a.    

 Abb. 3: Von Thüringer Schweinehaltern angemeldete Tierplätze zur Teilnahme an der Initiative Tierwohl

Anmeldung:
64 der 67 Thüringer Betriebe, die sich zur Teilnahme an der Initiative Tierwohl angemeldet hatten, haben an der Statuserhebung teilgenommen. Davon waren 17 Sauenhalter, 17 Ferkelaufzüchter und 30 Schweinemäster mit insgesamt rund 175.000 Tierplätzen (Abb. 3).

b.     Nach Angabe der ITW (2015) wurden 22 Betriebe im Freistaat zur Teilnahme an der Initiative zugelassen.

(5)   Angebot von Beschäftigungsmaterial

Thüringer Schweinehalter bieten ihren Tieren die unterschiedlichsten Arten von Beschäftigungsmaterialien an. 76% der in den Betrieben angebotenen Beschäftigungslösungen (Seile, Stroh, Heu, Silage, Ketten mit Holz, Bite&Rites usw.) erfüllen die von der TierSchNutztV geforderten Anforderungen, untersuchbar, bewegbar und veränderlich zu sein (LAVES, 2016).

Fazit:

1.    Die Statuserhebung ermöglicht eine repräsentative Aussage über bestehende Haltungssysteme in der Thüringer Schweinehaltung.

2.    In den Thüringer Betrieben wurde in den letzten 20 Jahren in rund 50% aller Betriebe investiert, d. h. sowohl Neu- als auch Umbauten vorgenommen, die zu verbesserten Haltungsbedingungen führten.

3.    Die bestehenden Verfahren der Haltung, Fütterung, Entmistung und Lüftung müssen bei der Ableitung von Handlungsempfehlungen Berücksichtigung finden.

4.    Maßnahmen, die eine Reduzierung bzw. einen Verzicht auf derzeit zulässige nichtkurative Eingriffe ermöglichen, müssen sich an der deutschen bzw. europäischen Rechtsprechung orientieren und die gesamte Produktionskette betreffen.

5.    Alle anzustrebenden und begründeten Änderungen zur Verbesserung der Tiergerechtheit erfordern ausreichende Übergangsregelungen und –fristen.

 

In der ersten Sitzung der UAG Schwein wurden die aus Sicht des Tierwohls wichtigsten Schwerpunktthemen bestimmt, die einer umfangreichen Analyse und Bewertung zu unterziehen sind. Die hieraus resultierenden Ergebnisse sowie die gezogenen Schlussfolgerungen mit Empfehlungen an die Landesregierung werden nachfolgend dargestellt.

 

2.         Haltung von Sauen in Kastenständen im Deckzentrum  

1.5.         Ausgangssituation

Nach § 30 Abs. 2 der Tierschutznutztierhaltungs-Verordnung (TierSchNutztV) sind Jungsauen und Sauen im Zeitraum von über vier Wochen nach dem Decken bis eine Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin in der Gruppe zu halten. Daraus ergibt sich, dass Sauen nach dem Absetzen der Ferkel bis vier Wochen nach dem Decken in sogenannten Kastenständen im Deckzentrum gehalten werden dürfen. Mit der zeitlich begrenzten Fixierung nach dem Belegen in Kastenständen sollen Sauen in erster Linie vor anderen dominanten aufspringenden Buchtenpartnern während der Rausche sowie im sensiblen Bereich der Nidationsphase zur Erhaltung der Trächtigkeit geschützt werden. Darüber hinaus sind die künstliche Besamung sowie Trächtigkeitskontrollen durchzuführen.

Die Anforderungen an Kastenstände sind im § 24 Abs. 4 TierSchNutztV geregelt.

Ausführungshinweise zur TierSchNutztV wurden von der Projektgruppe „Handbuch Tierschutzüberwachung in Nutztierhaltungen“ der Arbeitsgruppe Tierschutz (AGT) der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz (LAV) erarbeitet und in der LAV AGT beschlossen.

Das Handbuch „Tierschutzüberwachungen in Nutztierhaltungen“ dient der Unterstützung der amtlichen Tierärztinnen und Tierärzte bei der Überwachung der Einhaltung tierschutzrechtlicher Vorschriften in Nutztierhaltungen. Zur Umsetzung der „Verordnung (EG) Nr. 882/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates über amtliche Kontrollen zur Überprüfung der Einhaltung des Lebensmittel- und Futtermittelrechts sowie der Bestimmungen über Tiergesundheit und Tierschutz“ vom 29.04.2004 ist ein bundesweit einheitliches Verfahren für amtliche Kontrollen erforderlich. Die Qualitätsmanagementsysteme der Länder in Verbindung mit dem genannten Handbuch dienen der Umsetzung dieser Vorgaben.

Nach dem Handbuch der LAV AGT vom 23. Februar 2010 war für Neu- und Umbauten im Allgemeinen davon auszugehen, dass die Forderungen der TierSchNutztV erfüllt sind, „wenn die Kastenstände im Deckzentrum mindestens wie folgt beschaffen sind“ :

•           für Jungsauen und „kleinere“ Sauen 1,30 m² (200 cm x 65 cm lichtes Maß) bzw.

•           für Sauen 1,40 m² (200 cm x 70 cm lichtes Maß)

Für Jungsauen und kleinere Sauen wurde vom zuständigen Thüringer Sozialministerium zusätzlich angemerkt, „ …dass in Abhängigkeit von der eingesetzten genetischen Konstruktion der Tiere auch Maße der Kastenstände von 200 cm x 60 cm toleriert werden können.“

Funktions- und tiergerechte Kastenstände müssen jedoch den größenabhängigen Platzanspruch der Sauen, der aus dem Aufsteh- und Liegeverhalten und der Dynamik der Körperbewegungen resultiert, berücksichtigen und haltungsbedingte Verletzungen vermeiden. Dies war mit den genannten Maßen nicht in jedem Fall in Übereinstimmung zu bringen.

In einer gemeinsamen Beratung von Vertretern des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit (TMASGFF), des Thüringer Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft, der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, des Thüringer Bauernverbandes, des Thüringer Tiergesundheitsdienstes, des Thüringer Landesamtes für Verbraucherschutz und der VLÜÄ am 8.1.2015 wurden folgende fachliche Orientierungswerte (Tab. 1) zur Festlegung der notwendigen Mindestbreite von Kastenständen diskutiert.

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